Armut, “Weißsein” und Frauenrechte in Nicaragua – Eindrücke von Sandra Werner

Sandra Werner ist seit August 2014 in Nicaragua und arbeitet in der NGO Centro de la Mujer Masaya gegen häusliche Gewalt an Frauen. Dies sind ihre Eindrücke aus dem lateinamerikansichen Land:

Seit drei Monaten befinde ich mich jetzt schon im wunderschönen Masaya. Als ich in der Nacht zum 13. August 2014 in der 140.000 Einwohner Stadt Masaya angekommen bin, überwog meine Aufregung allen anderen Gefühlen. Die ersten Fragen, die ich mir schon während der Taxifahrt stellte, waren: Was würde ich hier wohl erleben? Wie leben hier die Menschen und werde ich mich hier heimisch fühlen?

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Ein paar Tage vor der Abreise nach Nicaragua: Molina und Sandra im August 2014 in Münster

Seit drei Monaten bin ich dabei meinen Fragen auf den Grund zugehen. Natürlich bin ich erst am Anfang meiner Reise, aber ich habe in den schon vergangen Monaten viele Eindrücke sammeln können, von denen ich in diesem Bericht gern einige teilen möchte.

Ein Spaziergang durch die „Fremde“
Ich kann mich noch erinnern als wenn es gestern gewesen wäre, als ich zum ersten Mal einen Fuß vor die Tür setzte und mir vornahm meine Gaststadt Masaya zu erkunden. Voller Vorfreude schloss ich die Tür hinter mir und stand in der Mitte der hellgrau asphaltierten Straße. Durchdrungen von Unsicherheit, entschied ich mich die Straße hochzulaufen. Ich erreichte einen kleinen Park. Auf einem Schild entdeckte ich den Namen „Parque San Juan“. Mein erster Gedanke war: „Oh, der Park hat ja den gleichen Namen wie der Mann meiner Chefin. Den kann ich mir bestimmt gut merken.“ Ich durchquerte den Park. Auf einer kleinen Bank am rechten Seitenrand saß ein junges Paar mit einem kleinen Kind. Alle drei schauten mich verwundert an. Verstohlen schenkte ich ihnen einen kurzen Blick, stammelte ein schnelles „Buenas“ und lief weiter die Straße hinauf. In Gedanken fragte ich mich warum mich die drei so verwundert anschauten. Ist es weil ich weiß bin? Weil ich blond bin? …

„Weißsein“ einmal ganz anders
Die Situation im Park ist natürlich nicht die einzige die mich zum Nachdenken bringt. Es gibt viele Situation in denen ich auf meine Hautfarbe und meine Erscheinung hingewiesen werde. In den vergangenen Monaten hat sich meine Wahrnehmung vom „Weißsein“ verändert. Ich erlebe, sozusagen, mein „Anderssein“. Da ich bis jetzt hauptsächlich in europäischen Ländern gelebt habe, habe ich dieses Gefühl vom „Anderssein“ noch nie am eigenen Körper erfahren. Das Leben hier in Masaya bietet mir nun die Möglichkeit dieses Gefühl zu erleben und zu reflektieren. Meine Hautfarbe wird hier oft mit materiellem Wohlstand und Tourismus gleichgesetzt. In allen Situationen, vor allem auf der Straße oder auf dem Markt werde ich oft als „Chela“ („Weiße“) bezeichnet. Ich sehe anders aus als die Nicas. In diesen Momenten denke ich oft an unser Vorbereitungsseminar und unsere Einheit zum Thema Rassismus zurück. Mir wird deutlich wie stark der Unterschied zwischen Rassismus und „Anderssein“ wirklich ist. Von Rassismus kann ich als Weiße wirklich nicht sprechen. Es ist das „Anderssein“ welches ich wahrnehme und mit dem ich konfrontiert werde. Meine Hautfarbe, meine Augenfarbe und meine Haarfarbe spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie sind die physischen Hauptmerkmale durch welche ich als weiß wahrgenommen und behandelt werde. Manchmal wird mein „Anderssein“ verbal durch „Chela“ ausgedrückt, aber oft sind es die stillen Blicke der Nicas. Ich frage mich immer, wie sich wohl Menschen aus anderen Ländern und mit anderer Hautfarbe in Deutschland fühlen müssen. Mir wird hier sehr bewusst, dass das „Weißsein“ zur Machtstruktur der Privilegierten gehört. Gerade auf dem Markt höre ich oft „aber du bist Chela, du hast doch Geld“. Ich verspüre hier oft den Wunsch, als Mensch wahrgenommen zu werden und nicht als Weiße. Diese neuen Erfahrungen bringen mich zum Reflektieren und Nachdenken.

… Nach meiner Erfahrung mit der jungen Familie ging ich weiter die Straße hinunter bis ich erneut an einen Park kam. Der Größe nach zu urteilen konnte das nur der „Parque Central“ sein. Ich setzte mich auf eine der leer stehenden Bänke und schaute auf die große Kirche, die sich stolz über den großen Platz erstreckte. Die Kirche war gut gefüllt und ich beobachtete eine Weile wie immer mehr Menschen zum Gottesdienst drangen. Auf dem Platz herrschte ein buntes Treiben. Während ich die Menschen beobachtete, dachte ich so für mich: „Alles scheint hier anders zu sein“.
Es roch anders, die Menschen schauten mich anders an und überall im Park verteilt sah ich kleine Häuschen (Los Comedores) aus denen Essen verkauft wurde. Ich war neugierig aber zugleich überkam mich ein Gefühl des Fremdseins. Ich kannte niemanden hier in diesem großen Park. Alles um mich herum kam mir auf einmal ganz anders und irgendwie fremd vor. Es überkam mich aber auch ein Gefühl der Freude. Ich hatte nun meine Reise angetreten und würde ein ganzes Jahr Zeit haben meine neue Umgebung, meine Mitmenschen und die neuen Begebenheiten hier in Masaya zu erkunden.
Nach einer Weile beschloss ich weiterzuziehen. Ich schlug eine andere Richtung ein und lief die Straße hinunter. Plötzlich veränderte sich die Umgebung. Die Straße und die Häuser waren auf einmal nicht mehr bunt, wie im vorherigen Barrio, sondern komplett aus Wellblech konstruiert. Ich erschrak etwas bei diesem Anblick. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Wellblechkonstruktionen die ich hier vorfand, symbolisierten für mich „Armut“…

„Armut besteht darin, sich arm zu fühlen“ (Ralph Waldo Emerson, 1803-1882)
Konfrontiert mit dieser vermeintlichen „Armut“ achtete ich von diesem Zeitpunkt an vermehrt auf wer oder was hier in Nicaragua als „arm“ bezeichnet wird oder sich selber so bezeichnet. Mir war schon vor meinem Reiseantritt bewusst, dass „Armut“ in verschiedenen Ländern anders definiert wird. In Deutschland besteht ein anderes Bild von Armut wie z.B. in Spanien. Hier, in Nicaragua, ist das Bild wiederum erneut anders. Für mich, als weiße, weibliche Deutsche ist hier, auch nach 3 Monaten, „Armut“ noch schwer zu identifizieren. Ich bin jedoch zu der Erkenntnis gekommen, „Armut“ kann aber muss nicht materiell sein. Hier in Nicaragua ist die materielle Situation anders als in Deutschland aber deswegen bezeichnen sich die Menschen nicht automatisch als „arm“. In Deutschland fehlt es uns selten an materiellen Dingen aber sind wir dadurch reich?
Wenn es uns nicht an materiellen Dingen fehlt, fehlt es uns dann eventuell an etwas anderem? Fehlen vielleicht Freude, Familienzusammenhalt, Glaube und Dankbarkeit?
Inzwischen löse ich mich immer mehr von meiner europäischen Definition von „Armut“, welche sich enorm auf das Materielle beschränkt hat. Vor allem wird mir immer deutlicher, dass ich nicht urteilen möchte. Ich bin nicht in der Position, weder hier noch irgendwo anders, Menschen und deren Lebenssituationen als „arm“ zu kategorisieren. Armut liegt in diesem Fall nicht im Auge der Betrachterin (in diesem Fall ich), arm ist für mich die oder derjenige die/der sich selber arm fühlt. Ich möchte nicht meine Augen vor materieller Armut verschließen. Ich möchte allerdings in den nächsten neun Monaten meine Definition von „Armut“ überdenken und neu erleben. Nach drei Monaten habe ich erfahren, dass „Armut“ in jedem Kontext anders ist und sich stark zwischen verschiedenen Ländern, Kulturen und Mentalitäten differenziert.

… Immer noch schockiert von den Wellblechhäusern, beschloss ich an der darauffolgenden Straßenecke links zu gehen. Eine gute Entscheidung wie sich herausstellte, denn ich landete direkt an der Laguna. Das war ein Ausblick, ich traute meinen Augen nicht. Ich schaute direkt in ein Tal hinab. Alles war so grün und in der Mitte glitzerte das blaue Wasser der Laguna im strahlenden Sonnenschein. Mir blieb vor Freude fast der Atem stehen. So etwas Wunderschönes sehe ich selten, dachte ich so für mich. Als ich meinen Blick endlich vom glitzernden Wasser lösen konnte und weiter nach oben schaute, erwartete mich eine neue Überraschung. Hellgrauer Dampf zog in den Himmel. Mein Blick richtete sich direkt auf den Vulkan.

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Der Nationalpark und Vulkan Masaya (Foto: Sandra Werner)

Fasziniert beobachtete ich, wie die Dampfwolken sich langsam auflösten und verschwanden. Noch nie zuvor hatte ich hautnah einen Vulkan gesehen. Aufregung und Freude kam in mir hoch. Was für ein überwältigendes Naturspektakel. Ich nahm mir fest vor, so bald wie möglich diesen Vulkan zu besuchen um ihn aus nächster Nähe zu erkunden. Müde aber zufrieden kehrte ich mit den neu gesammelten Eindrücken nach Haus und fiel erschöpft ins Bett. Der nächste Tag würde mein erster Arbeitstag sein.

Wie der erste Schultag
Als ich am nächsten Morgen aufstand, war ich schon ganz gespannt auf meine neue Arbeitsstelle. Was würde mich im Centro de la Mujer erwarten? Wie werden meine neuen Kollegen auf mich reagieren und auf welchen Gebieten arbeitet das Zentrum? Alle anfängliche Aufregung verflog schon nach den ersten Stunden im Zentrum. Meine Chefin stellte mir zunächst das ganze Zentrum vor. Alle begrüßten mich mit offenen Armen und versicherten mir, sie hätten schon gespannt auf mich gewartet. Das letzte Büro welches mir meine Chefin vorstellte, war mein eigenes Büro. Meine ersten Eindrücke waren durchaus positiv. Ich dachte so für mich: „Was für ein schönes Büro und so nette Kollegen, hier werde ich mich bestimmt wohlfühlen.“ So ist es dann auch bis jetzt.
Besonders beeindruckt bin ich von dem großen Arbeitsspektrum des Centros. Hier wird nicht nur Aufklärungsarbeit betrieben; Frauen aus schwierigen Verhältnissen werden auch durch Psychologinnen, Anwältinnen und Ärztinnen unterstützt. Gleich am ersten Arbeitstag berichteten mir meine Chefin und meine Mentorin, dass ich auf Grund meines Studiums im Themenbereich „häuslicher Gewalt“ eingesetzt werden würde. Seit dem ersten Tag begleite ich eine Anwältin und eine Sozialarbeiterin die hauptsächlich in dem o.g. Gebiet arbeiten. Besonders spannend finde ich die Arbeit in den kleinen Arbeits- und Selbsthilfegruppen. Fast jeden Tag fahren wir in kleine Dörfer und arbeiten mit Frauen und Jugendgruppen zu Themen wie Sexualität, häusliche Gewalt, die Rechte der Frauen etc. Für mich ist die Arbeit im Centro nicht nur von grundlegender Wichtigkeit, ich lerne auch noch eine ganze Menge dazu.

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Informationsstand vom Centro de la Mujer, Masaya (Foto: Sandra Werner)

Die Ansichten über Sexualität, Gewalt und vor allem dem „Marchismo“ werden hier anders bearbeitet als in Europa und sind kulturell geprägt. Nach den vergangenen drei Monaten kann ich langsam sagen, dass ich so mehr oder weniger das Verständnis entwickeln konnte wie die Situation und das alltägliche Leben vieler Frauen (nicht allen natürlich!!!) hier aussieht. Erschreckend finde ich allerdings nach wie vor, wie gängig häusliche Gewalt und Missbrauch in der Gesellschaft ist. Viele Frauen müssen erstmals verstehen, dass sie nicht weniger wert und wichtig sind als Männer. In den Arbeitsgruppen klären wir die Frauen immer wieder über ihre Rechte auf, vermitteln ihnen Selbstbewusstsein und zeigen ihnen auf, dass sie Freiheiten haben und sich nicht von ihren Männern kontrollieren lassen müssen. Die Werte und Privilegien, die für viele europäische Frauen (auch hier wieder nicht für alle!!!) „normal“ sind, sind hier in Nicaragua nicht selbstverständlich. Die Aufklärungs- und Empowerment- Arbeit des Centros ist deswegen besonders wichtig.
Neben meiner täglichen Begleitung der Arbeits- und Selbsthilfegruppen ist ein großer Bestandteil meiner Arbeit die Dokumentation von den einzelnen Lerneinheiten. Das Centro de la Mujer erstellt alle 6 Monate einen Evaluationsbericht über die Fortschritte aller Arbeits- und Selbsthilfegruppen. Dieser große Bericht erfasst alle Lernfortschritte und Themeninhalte sämtlicher Gruppenseminare und basiert auf den Teilevaluationen und Berichten die nach jedem Gruppenseminar angefertigt werden. Die Anfertigung dieser Teileberichte ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit. Dadurch und durch das Begleiten der einzelnen Arbeitsgruppen, sowie durch das Anfertigen der Teilberichte bekomme ich einen guten Überblick über die einzelnen Themenkomplexe und kann die Lernerfolge der einzelnen Gruppen gut nachvollziehen.

Nach diesen ersten drei Monaten kann ich nur sagen: Ich bin gut in die Arbeit des Zentrums eingebunden und integriert. Ich fühle mich in der Gesellschaft und in meinem Umfeld wohl.
Meine persönliche Reise hat begonnen und ich bin dankbar in den kommenden 9 Monaten noch viel erleben und lernen zu dürfen!!!

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