Dekadenter Überfluss (in westlichen Ländern): Wann wird weniger mehr?

September 2014

Die Welt, in der ich lebe, kommt mir immer häufiger „ver-rückt“ vor. Damit beziehe ich mich auf die dekadenten Lebensumstände, in denen sich sehr, sehr viele von uns – meist in westlichen Ländern – befinden, ohne dass uns bewusst ist, was für ein absolutes Traum-First-Class-Leben wir im nördlichen und reichen Teil der Erde leben können/dürfen.
Es ist klar, dass es auch in den reichsten Ländern der Erde, zum Beispiel in Europa, eine (wachsende) Armut gibt. Betroffene Menschen müssen sich mit Existenzängsten, Einsamkeit und eingeschränkter Freiheit, bzw. wenig Wahlmöglichkeiten auseinander setzen. Allerdings ist die europäische Armut in keinem Maße mit der in sehr vielen anderen Ländern der Erde zu vergleichen, wo es um das blanke Überleben ohne staatliche Unterstützung geht.
Ganz nebenbei, es sind diese finanzschwachen Menschen in einem reichen Land, die, zwar ungewollt, aber dennoch, den ökologischen Fußabdruck der Gesellschaft verringern und so die Klimaerwärmung nicht in dem gleichen Ausmaß beschleunigen, wie es die „gewöhnlichen“ CO2-intensiven Lebensstile des Westens tun und das als wenn es keinen Morgen gäbe. Also könnten die Menschen mit einem CO2-intensiven Lebensstil finanzschwachen Menschen sehr viel mehr Dank entgegenbringen.
Wenn wir im reichen Westen weiterhin ein so verwöhntes und luxuriöses Leben führen, wie wir es mit jedem Jahr weiter exponential und exzessive beschleunigen (mit Wochenend-Trips per Flugzeug, Klamotten für nur ein paar Wochen/Tage, häufig neue Smartphones, Strom durch Kohlekraft), dann wird es wohl wirklich kein Morgen geben, zumindest keinen in einer Welt oder Zivilisation wie wir sie kennen und lieben.
Die erwärmte Welt auf die wir momentan zusteuern – mit einem Business als usual – (das sind zwischen 2 und 4 Grad Erhitzung in den nächsten 80 Jahren), wird mit unseren jetzigen Lebensverhältnissen nicht vergleichbar sein. Stattdessen wird die 4-Grad-überhitze Welt eher so aussehen wie Münster Ende Juli. Da hatte es in der Stadt des westfälischen Friedens innerhalb weniger Stunden annähernd 300 Liter pro Quadrat Meter geregnet! Das ist neuer Regenrekord in Deutschland. Die Stadt stand schnell unter Wasser, und zwar nicht durch übertretende Flüsse, sondern durch Wasser, das von oben kam. Der Himmel weinte wohl, über das Klima, das kaputt ist. Ein Student ließ sich auf seiner Matratze auf dem schnell fließenden Fluss zu dem die Straße geworden war in Münsters Innenstadt treiben. Autos und Bussen musste er ausweichen, indem er zur Seite paddelte. Das ist die Welt, auf die wir zusteuern: Der Rekordregen in Münster kostete zwei Menschen das Leben. Einer ertrank in seinem überfluteten Keller, einer anderer kam in seinem Auto von der überschwemmten Straße ab und rutsche in den Graben. Er wurde erst am nächsten Morgen tot in seinem Fahrzeug gefunden. Ein großes Restaurant in Münster musste seinen 50 Mitarbeitern kündigen, weil das Unwetter das Restaurant zerstört hat. Finanziell ist, alleine schon an den öffentlichen Gebäuden und der Infrastruktur in Münster, ein Schaden von 15 – 20 Millionen Euro entstanden. Selbst Wochen nach dem Unheil stehen in den Straßen Münsters noch von Berge von Sperrmüll, der entstand, weil sehr, sehr viele Keller vollgelaufen sind. Die reiche Stadt Münster hat NRW und den Bund um Hilfe gebeten, um die Folgeschäden dieses Vorboten einer überhitzen Welt zu beseitigen.
Das Problem an unserem dekadenten Lebensstil ist, dass die immense und sehr, sehr, sehr kostbare Infrastruktur über die wir in Deutschland verfügen (Straßen, Brücken, Häfen, Gebäude, soziale Annehmlichkeiten) in der 4-Grad-überhitzen Welt in einem komplett anderen Ausmaß belastet wird, als wir uns das zurzeit ausmalen und vorbereiten.
Deshalb hadere ich immer häufiger mit der dekadenten CO2-intensiven Lebensweise. Wir haben sehr, sehr großes erreicht und viel aufgebaut. Allerdings finde ich es dekadent, dass wir mit unserem CO2-intensiven Lebensstil auf internationale, nationaler und kommunaler Ebene einfach so weitermachen, obwohl wir alle gesehen haben, wie letztes Jahr im Winter der Super-Taifun Haiyan auf die Philippinen traf und alles zerstörte, was sich ihm in den Weg stellte, wie Infrastruktur, Kulturgüter, Menschenleben oder zivilisatorische Gesellschaftsstrukturen. Über Facebook habe ich mitbekommen wie ein Deutscher aus meiner Heimatstadt an der Ostsee mit seiner philippinischen Frau und Familie das katastrophale Desaster und die Anarchie nach dem Unwetter überlebte.
Deshalb finde ich es dekadent, wie wir – gesellschaftlich gesehen- im äußerst reichen Deutschland auf Kosten von anderen Menschen in fernen Ländern unser CO2-intensives Leben einfach fortführen, obwohl wir wissen, dass diese Lebensweise ökologisch weit über unseren Möglichkeiten liegt. Depressionen, Burn-out und Essstörungen plagen immer mehr Menschen. Das heißt, glücklich sind viele von uns mit diesem Leben auch nicht. Arbeitsstress und Übersdruck fordern daher offensichtlich ihren Tribut. Warum halten wir also an diesem dekadenten und ökologisch nicht tragbaren Lebensstil fest? Der Happy-Index zeigt doch, dass viele Menschen in Südamerika glücklicher sind als im 1. Klasse Leben Europas. Menschen, die weniger als tausende Dingen besitzen wie eine Durchschnittsperson in der EU, können also durchaus glücklich sein.
Der aus Kontrolle geratene Konsum schlägt sich in dem Zustand der Luft, die wir zum Atmen brauchen, nieder. Jedes Jahr kommen 2 ppm CO2 zusätzlich in die Atmosphäre. Die 400 ppm CO2 Marke wurde letztes Jahr das erste Mal seit mindestens der letzten achthunderttausend Jahre überschritten. Das bedeutet, wird steuern mit sehr großen Schritten auf eine sehr, sehr heiße Welt zu. 450 ppm CO2 gilt als Höchstgrenze für das 2-Grad-Ziel, zu dem sich die UN entschieden hat. Inselstaaten fordern 350 ppm CO2 in der Luft, um ihre Heimat nicht zu verlieren. Knacken wir die 450 ppm CO2-Grenze, könnte sich die Klimaerwärmung verselbstständigen. Die Ökosysteme, die den Planeten am Leben erhalten, bekommen dann große Probleme. Damit würde die Zivilisationen auf der Erde vermutlich in ein Chaos gestürzt werden, dessen Ausmaß sich niemand vorstellen kann. Das ist nicht möglich? Die Menschen auf der Osterinsel haben auch den letzten Baum gefällt (wahrscheinlich aus Gewohnheit), der sie daran hinderte – nach dem Fällen des letztens Baums -weitere Schiffe zum Fischfang zu bauen. Ich brauch wohl kaum zu erwähnen, dass es die Zivilisation der Osterinseln nicht mehr gibt. Sie hatten sich den neuen Lebensbedingungen aus Gewohnheit (?) nicht angepasst.
Die Energiebalance der Erde ist für uns einfach lebenswichtig. Ohne den „Greenhouse Gas“-Effekt hätte die Erde nicht mehr eine Durchschnitttemperatur von 8 Grad, wie es momentan der Fall ist, sondern – 17 Grad. Unser Leben auf der Erde wäre also nicht möglich. Der CO2-Anteil in der Luft hält uns also am Leben, aber wir verändern ihn momentan sehr, sehr, sehr stark. Wenn die Menschen der Inselstaaten wie Malediven oder Tuvalu ihre Heimat an den steigenden Meer verlieren, wird es bestimmt nicht zu einer friedlicheren Welt führen. Afrika wird noch trockener als es schon ist. Wo werden die Menschen wohl Schutz suchen?
Malaria und Zecken mit gefährlichen Krankheiten „wandern“ in den Norden. Deshalb finde ich es dekadent, dass wir unseren unökologischen Lebensstil in den westlichen Ländern nicht stärker hinterfragen, sondern stattdessen zum Beispiel in Deutschland die Kohlekraft wieder verstärkt nutzen. Geht’s noch?
In den letzten 30 Jahren hat der Nordpol 1/3 seiner Eisschicht verloren. Nur mal so am Rande, das ist übrings die Klimaanlage der Erde. Ich würde diese eigentlich gern behalten!
Aus all diesen Gründen finde ich es dekadent, wie wir in Europa uns wie in der 1. Klasse auf der Titanic verhalten. Wir verkünden unser Schiff ist unsinkbar und erkennen nicht, dass sich die Tatsachen längst geändert haben.
Ich habe bei weitem nicht Antworten auf alle Fragen, die mit einem ökologisch sinnvollen Leben beantwortet werden müssen, aber eins weiß ich, ein weiter so wie bisher geht nicht! Die Situation anzuerkennen wie sie ist, ist doch bekanntlich der erste Schritt, um etwas zu ändern:
Durchschnittlich verbraucht ein Deutscher 10 Tonnen CO2 im Jahr. Um das 2 Grad Ziel einzuhalten, können wir pro Jahr lediglich 1,5 -2 Tonnen CO2 verbrauchen. Wir haben nun also die Möglichkeit die Besonderheit an vielen Dingen wiederzuerkennen, die wir längst aus den Augen verloren haben. In der Kindheit meiner Eltern waren Flugreisen zum Beispiel etwas Ungewöhnliches und Fleisch wurde auch sehr viel seltener gegessen.
Abenteuer kann mensch aber auch ohne das Flugzeug erleben, per Bus oder Zug lässt sich Europa wunderbar erkunden! Die Strände Griechenlands sind phänomenal und mensch kann dort mit dem Euro bezahlen, ohne einen 12 Stündigen Flug hinter sich bringen zu müssen. Braun wird mensch auch dort am Strand. Das Lächeln eines geliebten Menschen zu sehen, kann mehr wert sein als die 5. oder 6. Hose oder ein neues Hemd einer Billigkette, das lediglich zwei Mal getragen werden kann.
Deshalb schäme ich mich dafür, dass wir in den westlichen Ländern den Hals einfach nicht vollbekommen und in einen, offensichtlich immer stärkeren Strubel von immer schneller, höher, weiter und mehr gelangt sind, aus dem wir als Gesellschaft ökologisch noch nicht den Absprung geschafft haben. Ganz nach dem Motto, wenn der nächste Regenrekord in Münster oder sonst wo geknackt wird, will ich zumindest gestylt sein, meinen letzten Urlaub weit weg verbracht haben, mein Smartphone in der Hand halten, in der anderen meinen Kaffee to go und vor meinem XXL-TV sitzen.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir wieder erkennen, dass weniger mehr sein kann und wir nicht jedem Konsumtrend folgen müssen. Wie Bill Clinton in dem Buch über sein Leben schrieb: Manchmal sind es die Entscheidungen für etwas, die unser Leben prägen, manchmal allerdings auch die Entscheidungen gegen etwas. Sagen wir nein zum exzessiven Konsum und sagen mal häufiger Nein zu neuen Gegenständen oder weiten Flugreisen.
Die Autorin dieses Textes hat ihr Handy (ohne Farbdisplay, ohne Kamera und ohne Internetzugang) 2008 gekauft und benutzt es immer noch. Sie ist das letzte Mal vor über einem Jahr mit einem Flugzeug geflogen (Juni 2013) und das auch nur, weil die Strecke Erbil, Kurdistan im Irak nach Istanbul in der Türkei für eine Busfahrt zu gefährlich war. Außerdem besitzt sie kein Auto. Seit 2009 isst sie kein Fleisch mehr und seit 2012 kaum noch Fisch. Und trotzdem ist sie oft im Internet, macht Fotos, trifft Freunde und bereist Europa und die Türkei und ist ein fröhlicher Mensch, wie mich vermutlich Freunde und Familie beschreiben würden. Vielleicht ist weniger ja doch manchmal mehr?

DSCI4474

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