Interview mit Shacay, einem ecuadorianischen Regenwald-Indianer über sein Volk, sein Leben und den Regenwald

Germán Junga, auch Shacay genannt, ist ein Reiseführer, der das Reisebüro Rainbow Expediditons in Baños, Ecuador hat. Shacay und sein Büro wird auch in dem bekannten Lonely Planet genannt:

“Rainbow Expeditions is owned by Germán Shacay, a member of the Shuar indigenous community from the southern Oriente that offers culture-oriented trips into several areas of the Oriente including Shuar communities outside of Macas.”

Shacay ist ein Shuar-Indianer. 2004 bin ich mit meinem Vater und Geschwistern ein paar Tage im Nationalpark Cuyabeno mit Shacay im Norden Ecuadors unterwegs gewesen.

img050

Shacay im Ruderboot im Nationalpark Cuyabeno. (Foto: Andreas Gosch, 2004)


Dies sagt Shacay über sein Leben, sein Volk und den Regenwald im Mai 2015:


1. Shacay, in Deutschland gibt es weder Indianer, noch einen Regenwald wie in Ecuador. Du bist ein Shuar-Indianer. Bedeutet dies, dass Du im Regenwald geboren wurdest?

Shacay: “Ich wurde im Regenwald geboren und bin im Regenwald aufgewachsen. Das ist der Ort, an dem auch meine Großeltern und meine Vorfahren lebten. Deshalb komme ich ganz original aus dem ecuadorianischen Amazonas-Regenwald.”

2. In Deutschland spreche ich Deutsch mit meiner Familie. Sprichst du Spanisch mit Deinem Volk? Und wenn nicht, welche Sprache dann?

Shacay: “Also, im Allgemeinen spreche ich Shuar mit meiner Familie, meine Muttersprache und die Sprache des Regenwalds. Aber bei Versammlungen oder wenn wir sonst unser Land gegen die Staatsinteressen verteidigen, sprechen wir auch Spanisch.”

img024

Shacay (links) im Boot im Regenwald im Cuyabeno-Nationalpark (Foto: Andreas Gosch, 2004)

3. In Deutschland haben wir seit einigen Jahrzehnten immer Strom in den Häusern. Als Du ein Kind warst, hatte Deine Familie da auch Strom zuhause?

Shacay: “In meinem Zuhause hatten wir nie Strom. Stattdessen haben wir das Shirikip (Harz vom Baum Copal) benutzt. Es ist eine Art natürliches Licht, das ein angenehmes Aroma hat. In meiner Kindheit bin ich ohne Elektrizität aufgewachsen. Allerdings gibt es heute auch im Regenwald Strom. Dies wird alles ändern. Die Jugendlichen werden unsere Kultur und die Sprache vergessen. Mein Volk wird seine ganze Shuar-Lebensweise verändern, was mich sehr wütend und traurig macht. Deshalb suche ich Hilfe bei Organisationen und NGOs, um eine Lösung zu finden und um mit großen Projekten die Menschen dafür zu sensibilisieren, die Umwelt und das kulturelle zu retten.”

4. Wie war das Leben in Deinem Dorf? Wovon habt Ihr gelebt?

Shacay: “Das Leben in meinem Dorf war sehr ruhig und friedlich. Wir lebten alle in Harmonie mit der unberührten und lebendigen Natur in unserem Dorf. Wir lebten vom Fischen in den Flüssen und dem Jagen im Regenwald. Dieses Leben brachte uns Freude. Aber jetzt sind wir durch die Rohstoffabbauenden Firmen bedroht.”

5. Seit wann hat Dein Dorf Kontakt mit Menschen, die nicht zu Deinem Stamm gehören?

Shacay: “Meine Gemeinschaft oder mein Dorf hat Kontakt mit Personen aus anderen Kulturen seitdem zum Beispiel Siedler Straßen bauten. Zudem gehen einige junge Menschen in die Städte und haben Kontakt zu anderen Personen. Seitdem entstehen Verluste und Nachteile. Auf jeden Fall haben sich die Kulturen vermischt.”

6. Was bedeutet der Regenwald für Dich und Dein Volk?

Shacay: “Der Regenwald ist alles für mich. Es ist eine wunderbare Lebensquelle, in der ich geboren wurde und aufwuchs. Der Regenwald ist heilig und eine zauberhafte Natur. Der Regenwald ist sehr bedeutend und wichtig für die kriegerischen Shuar, eine unzähmbare Kultur, die immer existiert hat und dessen wildes Blut durch meine Adern strömt. Für viele ist der Regenwald unser Leben, aber für andere hat er keine Bedeutung. Diese Menschen wollen lediglich diese Lebensform im Regenwald zerstören. Uns gibt der Regenwald Nahrung und es leben tausende Arten dort, die respektiert werden müssen und reine, saubere Luft zum Leben brauchen.”

img039

Ein Geier lässt sich sein Gefieder von den morgendlichen Sonnenstrahlen im Cuyabeno-Regenwald wärmen (Foto: Andreas Gosch, 2004)

7. Hat sich das Leben von Deinem Volk in den letzten Jahren verändert?

Shacay: “Das Leben hat sich komplett verändert. Lediglich einige wenige Gemeinschaften halten ihre Gewohnheiten und Gebräuche aufrecht. Das Vordringen der Straßen und Wege, sowie der Elektrizität wird das Leben in vielen weiteren Gemeinschaften und Dörfern weiter verändern. Die jungen Menschen ziehen in die Städte und wollen nicht in den Regenwald zurück. Einige Organisationen und die lokale Regierung bestehen das Dorf mit wenig Geld im Tausch für nichts. Diese Vorgehensweise wird das Leben von meinem Volk ändern.”

8. Was bedeutet die Erde mit ihrer Natur für Dich?

Shacay: “Die Erde ist der Ort, wo ich lebe, wo ich geboren wurde und wo ich aufwuchs. Es ist der Ort, an dem meine Großeltern und Eltern ihre Samen säten und Früchte ernteten. Die Erde und die Natur ist etwas sehr Heiliges für mich, die mir Stärke, mein Bewusstsein und Harmonie geben. Durch das Wissen meiner Vorfahren, das sie uns dankenswerterweise hinterließen, wissen wir wie wir ein Frieden mit der Erde und der Natur leben und verbunden sein können.”

9. Willst Du noch etwas sagen?

Shacay: “Ich lade alle zum Nachdenken ein, denn mich macht es sehr traurig, dass die Natur zu uns spricht, während die meisten Menschen nicht zuhören. Wir haben gelernt wie Vögel zu fliegen, wie die Fische zu schwimmen, aber wir haben nicht gelernt, aufrichtig wie Brüder zu leben, ohne den intakten Regenwald zu zerstören. Wir lebten in Frieden und der Frieden ist ein Lächeln. Setzen wir uns gemeinsam für den Frieden ein oder wir werden ihn nie finden. Wenn wir Bäume pflanzen, pflanzen wir die Samen vom Frieden und von der Hoffnung. Erst wenn der letzte Baum tot, der letzte Fisch gefangen und der letzte Fluss vergiftet ist, wird der Mensch merken, dass man Geld nicht essen kann.

Ich wünsche mir, dass alle sich Gedanken über eine zusammenhängende/ungeteilte Welt machen.

Vielen Dank.

Ihre Shuar-Bruder Shacay aus dem Süden in Ecuador.”

Hier klicken, um das Interview auf Spanisch zu lesen.

img061

Shacay malt mir mit roter Pflanzenfarbe Punkte ins Gesicht. (Foto: Andreas Gosch, 2004)

Molina Gosch, Juni 2015

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s