Super-Taifun Haiyan trifft die Philippinen – ein (deutscher) Augenzeugenbericht

Eine Woche nachdem Ende Oktober 2013 der schwere Orkan “Christian” in Europa wütete (bis zu 191 km/h) und große Schäden an den Küsten Schleswig-Holsteins zum Beispiel hinterließ, traf der stärkste jemals gemessene Super-Sturm auf den Philippinen auf Land. Mit Windböen von bis zu 379 km/h zerstörte der Super-Taifun alles, was sich ihm in den Weg stellte. Außerdem wurde der Taifun von einer zerstörerischen Flutwelle begleitet, siehe hier.

Ein Film über den Taifun “Yolanda” wie er auf den Philippinen genannt wird, zeigt das Ausmaß der Zerstörung.

Ein paar Tage, vielleicht sogar ein paar Wochen, waren die Folgen des Taifuns Thema in den Nachrichten in Deutschland. Danach verschwand es allerdings wieder und der Alltag in Deutschland räumte anderen Themen wieder mehr Platz in der Berichterstattung ein. Aber wie ging es den Menschen vor Ort, die das Auge des Sturm erlebten und das Land nach dieser Katastrophe nicht verließen?

Dirk Bruckner erlebte den Super-Taifun in der Nähe von Tacloban auf den Philippinen. Er wanderte vor einiger Zeit aus Kappeln an der Schlei in Schleswig-Holstein auf die Philippinen aus, ZDF berichtete darüber.

In dem Artikel “Ich überfiel einen Supermarkt um zu überleben” berichtet Dirk in DER WELT wie er und seine Familie den Super-Taifun überlebten.

So beschreibt er die Schäden des Super-Taifuns:

“Am 08.11.2013 suchte uns der Jahrhunderttaifun Haiyan heim und zerstörte mit bis zu 379 km/h Windgeschwindigkeit alles was ihm in die Quere kam. Etwa 15.000 Menschen mussten ihr Leben lassen, davon über 8.000 Kinder.
Nachdem der Taifun vorüber war und die Sturmflut mit einer Höhe von bis zu 15 Metern und einer Geschwindigkeit von 120 km/h, in der Art eines gewaltigen Tsunamis, alles Verbliebene weggerissen hatte, stand in unserer Region kein Stein mehr auf dem anderen. So kamen beispielsweise die meisten der Haustiere nach dem Taifun ums Leben, als sie völlig orientierungslos Straßen überquerten und überfahren wurden, verhungerten oder von den Menschen, die zu verhungern drohten, aus Verzweiflung gegessen wurden.”

Dies sind Fotos und Eindrücke von Dirk. Er berichtet davon wie dieser Super-Taifun die Infrastruktur ganzer Städte zerstörte und damit die Grundlagen des menschenlichen Zusammenlebens beachtlich minimierte. (Am Ende des Fotoberichts ist von Dirk zu lesen mit welchen Folgen er und die Menschen in dem Katastrophengebiet ein halbes Jahr nach dem Taifun noch zu kämpfen haben.)

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9.5.2014

“5.000.000 Arbeitsplätze wurden vernichtet, 4.500.000 Menschen verloren ihr Heim und würden bei uns als Obdachlose gelten, schlafen sie doch unter Plastikplanen oder in notdürftig zusammen gehämmerten Bretterbuden, bestehend aus den Resten von Häusern.
Sie werden sich kaum vorstellen können wie es ist, wenn Sie kein Trinkwasser bekommen können, jeden Liter abkochen und zuvor primitiv filtern müssen – wenn ihnen dieses Grundrecht des Lebens vorenthalten wird.”

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7.12.2013

“Die Buergermeister haben Nachtwachen und Patrollien organisiert und die Order ausgegeben, jeder ueber 10 Jahre alt habe ein Sundang zu tragen (philippinische Kurzschwert – hat jeder hier) und wer eine Schusswaffe besitzt, darf diese tragen, egal ob eine Lizenz vorliegt oder nicht. Das wird nicht verfolgt. Als haetten wir nicht genuegend Probleme, muessen wir uns nun auch noch mit so einem Mist rumplagen. Wir gehen heute Nacht mit jeweils 2 Mann Wache und es brennt immer ein Lagerfeuer..”

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7.12.2013

“Tag 7 ohne Nahrungsmittelversorgung. Seit wir 3 kg Reis und ein paar Dosen Sardinen vor 9 Tagen und 1 Liter Wasser vor einer Woche bekommen haben, gab es ausser der Wolldecke mit Teddybaeren bei 35 Grad nichts mehr. Resultat – die Verbrechensrate ist sprunghaft angestiegen.”

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30.11.2013

“Ansonsten wird erst jetzt wirklich klar, welche Wucht dieser Sturm hatte, wie ihr auf den Bildern selbt sehen koennt. Die Gemeinden stinken bestialisch, der Muell, Schutt, Palmenreste, nasse Kleidung, verdorbene Lebensmittel – das alles rottet am Strassrand vor sich hin. Es wurde versucht das Ganze zu verbrennen, was nur teilweise gelang, denn die starken Regenfaelle loeschten die Feuer immer wieder. So schwelt alles im Innern der Schutthaufen, weshalb stellenweise kaum mehr Luft zu holen ist und dichte Rauchschwaden den Blick auf das Disaster nehmen, was vielleicht auch besser so ist.”

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2.12.2013

“Die Preise auf den Maerkten erreichen ein neues Niveau und sind eigentlich nur noch als Schwarzmarkt zu bezeichnen, so wie wir es aus den Geschichtsbuechern aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kennen. Eine Palette Eier kostete zuvor etwa 150 Peso und wird jetzt mit 450-600 Peso gehandelt. Kostete 1 kg Zwiebeln vorher 40 Peso, so zahlen wir nun 8 Peso pro Stueck (und das sind die kleinen roten Zwiebeln) oder 50-60 Peso je 250 Gramm. Eine kleine Kerze kostet 10 Peso, Taschenlampen sind nicht erhaeltlich, ein Kg Reis liegt bei 60-80 Peso, zuvor 30. “

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7.12.2013

“Ach ja – den Text, der eigentlich fuer gestern vorgesehen war, den habe ich erst heute posten koennen. Wir haben endlos lange versucht ins Internet zu kommen. Aber bei 4 INTERNETANSCHLUESEN FUER 100.000 MENSCHEN ein schier aussichtsloses Unterfangen – wir kamen nicht ins Netz. Also stehen wir morgen frueh ganz frueh auf, um als erstes ins Netz zu koennen – hoffentlich klappt es.”

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2.12.2013

“Die Lage hier ist weiterhin nicht gerade gut zu nennen. Wir haben am Mittwoch, glaube ich, zuletzt Versorgungsgueter in Form von Essen erhalten. Das waren 3 Kg Reis und 4 Kartoffeln, 2 Karotten, 2 kleine Paprika und 4 Bananen. Am Freitag gab es 1 Liter Trinkwasser und gebrauchte Kleidung. Gestern wurde mitgeteilt, das naechste Essen wuerde Dienstag oder Mittwoch ankommen. Wie mit 3 Kg Reis 30 Personen ueber 7 Tage ernaehrt werden koennen, das muessen die uns wirklich mal erklaeren. Unsere Reisvorraete gehen rapide zu Neige, weil wir natuerlich an Familie Nachbarn und Freunde abgeben.”

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5.12.2013

” Inzwischen werden nun endlich wohl alle betroffenen Gebiete versorgt. Allerdings wurde heute mitgeteilt, wir wuerdem nur noch zweimal Nahrung bekommen, dann wuerden die Lieferungen eingestellt. Ich kann mir das zwar nicht vorstellen, denn es gibt nur auf dem Schwarzmarkt einige wenige Nahrungsmittel zu horrenden Preisen. Wuerde wirklich nicht mehr geliefert, so waere dies der sichere Tod fuer viele Menschen hier.”

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5.12.2013

“Inzwischen gehen die Arbeiten am Stromnetz voran und etwa 10% der Strommasten stehen wieder. Allerdings sind die Umformerstationen und die Zuleitungen in die Ortsteile und zu den Hausern noch immer in einem voellig desolaten Zustand.”

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7.12.2013

“Die Regierung hat in Tacloban und Tanauan Militaer und Polizei verstaerkt – nicht aber fuer die Aussengebiete. Wie gestern der Innenminister im Radio so schoen sagte – es wird der Bevoelkerung dringend geraten sich zu bewaffnen. Einige Buergermeister haben dazu in ihrem Bereich kurzerhand alle Waffengesetze fuer ungueltig erklaert und verlangen von ihren Buergern, dass sie Waffen tragen, sobald sie aelter als 10 Jahre alt sind. Es ist zu derart vielen Raubueberfaellen gekommen, dass Bruno und ich am Montag einen Termin mit einem Besitzer eines Waffengeschaeftes haben. Der sagte, was sollen alle Vorschriften, wenn hier Menschen fuer ein Kilo Reis getoetet werden?”

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5.12.2013

“Es sind einige neue Kommunikationsstationen errichtet worden, die aber noch nicht voll funktionsfaehig sind. Das soll in der kommenden Woche aber besser werden, sodass ich hoffen kann ab naechster Woche wieder ueber einen Internetverbindung zu verfuegen. Das spart viel Geld, denn zurzeit muss ich immer 70 km fahren (einfache Strecke 35km), um arbeiten zu koennen und um Euch auf dem Laufenden zu halten.”

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30.11.2013

“Ein echt immer groesser werdendes Problem sind die unvorstellbar grossen Schwaerme von Moskitos. Insbesondere die Gefahr mit Dengue oder Hepatitis angesteckt zu werden, steigt von Tag zu Tag. Wir haben deshalb Moskitonetze gekauft, soweit ueberhaupt noch erhaeltlich. Davon allein 16 Stueck fuer Kinder. Fernhaltecremes oder Sprays sind nicht mehr verfuegbar und ich sitze mit der Taschenlampe in meinem Wohnzimmer, mit einem dieser Netze ueber dem Kopf und schreibe diese Zeilen hier, weil das Licht des Bildschirms die Biester magisch anzieht.”

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2.12.2013

“Obwohl wir ein rauchendes Feuer in Gange hatten und wir uns den Rest des Mueckenfernhaltesprays OFF geteilt haben, wurden wir von unzaehligen Moskitos gestochen. Die waren so aggresiv, dass selbst Rauch und chemische Keule sie nicht abwehren konnten. Also verzogen wir uns unter das Moskitonetz. Diese Plage wird von Tag zu Tag schlimmer. Ich hab echt Angst, dass wir uns mit Dengue oder Hepatitis anstecken. Ich habe auch noch nie so viele Tigermoskitos gesehen wie im Moment, die zwar nur tagaktiv sind, aber das Denguefieber uebertragen, gegen das es keinen Impfschutz gibt.”

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5.12.2013

“Donna liess sich nun auch endlich behandeln. Waerend des Taifuns war sie bei Bruch der Zimmerdecke vom Sturm erfasst und gegen die Wand geschleudert worden. Sie hat eine schmerzhafte Prellung der Brust davongetragen, die mit einem tiefen Bluterguss einhergeht. Die Aerzte von NAVIS haben sich wirklich sehr fachkundig und fuersorglich diesem Problem angenommen und werden das wohl in den Griff bekommen.”

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7.12.2013

“Die Lebensmittelbeschaffung gestaltet sich schwierig. Zwar sind schon viele Sachen erhaeltlich, allerdings zu horrenden Preisen. So werden beispielsweise viele Fruechte aus Mindanao angekarrt, weshalb ein einziger Apfel bis zu 0,65 Euro kostet oder eine Orange fast 1,50 Euro. Selbst die gestohlenen Versorgungsgueter sind voellig ueberteuert. Eine Dose der Sardinen mit 120ml Inhalt (wobei wir Sardinen echt nicht mehr sehen koennen) kostet hier jetzt 1, 80 Euro und ein Kilo Reis etwa 2,25 Euro. Das sind Preise, die selbst in Deutschland ueberteuert und hier unerschwinglich sind, bei Tagesloehnen von 4-7 Euro, sofern Arbeit vorhanden ist.”

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Wer Dirk helfen möchte, kann ihn bei Facebook kontaktieren oder wendet sich an mich. Die Folgen des Super-Taifun sind nämlich noch immer nicht vorbei und die Menschen kämpfen auf den Philippinen weiterhin darum ihren Alltag wieder herzustellen.

Dies sind aktuelle Eindrücke von Dirk (Mai 2014) aus dem Kampf gegen die Folgeschäden, die der Super-Taifun hinterließ:

Aus den Nachrichten verschwunden hat die Hilfe für unsere Region spürbar nachgelassen. Obwohl noch immer einige Hilfsorganisationen vor Ort sind müssen hier Menschen hungern, haben keine ausreichende medizinische Versorgung, in den Außenbereichen schlechtes Trinkwasser, was als solches kaum zu bezeichnen ist und keine Arbeit.
Leyte lebte vor allem von den Produkten der Kokospalme, vom Anbau von Bananen und von der Fischerei. Hier sind gut 80% der Palmen ausgerissen, abgebrochen, die restlichen 20% so stark beschädigt, dass keine Ernte erfolgen kann. Nachwachsende Palmen benötigen etwa 10 Jahre bis zur ersten Frucht, die beschädigten werden 2-3 Jahre brauchen um wieder Früchte zu tragen. Damit fällt ein Großteil der Arbeitsplätze über viele Jahre weg. Zudem sind alle fünf Ölmühlen der Umgebung zerstört und müssen erst wieder aufgebaut werden.
Fast alle Fischerboote sind zerstört worden, welche uns aber im Moment auch nicht viel nutzen würden. Der riesige Taifun hat derart viel Energie aus dem Meer abgezogen, dass das Wasser zu kalt geworden ist. Der üppige Fischbestand ist abgewandert und niemand weiß, wann die Fische wieder zurückkehren werden. In der Folge wurde bereits für die Küstenregion zwischen den Inseln Leyte und Samar ein absolutes Fischfangverbot verhängt – so sind nun Tausende von Fischern arbeitslos, die sich zumindest ein Netz oder Reusen für die Strandfischerei beschafft hatten. Auch die teilweise erfolgte Lieferung von Booten ist damit ad absurdum geführt – die Boote liegen arbeitslos am Strand. Die Bananenanpflanzungen wurden zu fast 100% zerstört und werden in etwa 1 ½ bis 2 Jahren wieder einen Broterwerb bieten können. Hier sind aber nur knapp 50.000 Arbeitsplätze vorhanden, denn der Hauptverdienst kommt aus der Kokosnuss. Leyte war einer der größten Kokosnussölproduzenten der Welt.

Diese Situation wirkt sich natürlich auf die Preise für alle Waren aus. So müssen noch immer Gemüse, Baustoffe, Reis, Fleisch, Fisch und andere lebensnotwendigen Waren aus anderen Landesteilen importiert werden. Die Folge daraus sind bis zu 20-fach erhöhte Preise, bei Grundnahrungsmitteln liegen sie beim Doppelten bis zum Achtfachen.
Mit der Hilfe von Freunden und einigen Firmen war ich bislang in der Lage hier 9 Häuser notdürftig wieder aufzubauen, eine winzige Bäckerei gibt nun einer Großfamilie wieder bescheidenen Lohn und Brot und die nahe Universität hat durch das gespendete und von mir zugekaufte Saatgut die Möglichkeit auf dem Schulgelände schnell wachsende Gemüse zu ziehen, damit die Studenten und die Schüler der eigenen Schule und die der Nachbarschulen wenigstens einmal täglich eine ansatzweise ausreichende Nahrung bekommen können, sobald in 2 Monaten die ersten Gemüse geerntet werden können.
Zudem konnte ich als Ersatz für die 26 zerstörten Boote unseres Dorfes ein Fischerboot erwerben, dass aber mangels Fisch zurzeit untätig am Strand liegt. Darüber hinaus konnte ich mit Saatgut einige Nachbarn versorgen, die nun auf kleinen Feldern verschiedenste Gemüse ziehen. Aber es dauert natürlich eine Weile, bis die ersten Früchte geerntet werden können. So auch auf dem eigenen Grundstück. Hier ist kaum noch in Platz an dem nicht irgendein Gemüse wächst.

Die Versorgung mit Trinkwasser ist hier in unserem Bereich nicht gewährleistet. Zuvor hatte das Spanische Rote Kreuz (nach gleichem Muster wie das DRK und das Internationale Rote Kreuz) in der Nähe eine Trinkwasseraufbereitungsstation. Das Wasser wurde aber weder von mir und meiner Familie noch von den anderen Dorfbewohnern akzeptiert. Mit einem Chlorgehalt von bis 1,2% wurde uns eine milchige Brühe geliefert, mit Flocken darin, die allenfalls für ein Schwimmbad geeignet war. Inzwischen haben alle nationalen Organisationen des Roten Kreuzes und das französische Medicine sans Frontier die Trinkwasserproduktion einstellen müssen, weil dieses Wasser in dieser miserablen Qualität nicht abgenommen wurde.
So griffen die Bewohner von Telegrafo auf meine Hilfe zurück. Ich fuhr mehrmals die Woche in das 25km entfernte San Joaquin und holte bei der Deutschen Hilfsorganisation NAVIS gutes Trinkwasser. Als NAVIS am 15.01.2014 abzog ließen sie eine Aufbereitungsanlage zurück, die bis vor 8 Wochen noch von den Einheimischen betrieben wurde. Jetzt steht sie ungenutzt dort, weil ein Ersatzteil fehlt und wir haben kein Trinkwasser mehr. Obendrein ist mein Wagen, der durch den Taifun schwer beschädigt wurde und nur notdürftig repariert werden konnte, inzwischen nicht mehr fahrbereit. So kann ich nicht an andere Orte fahren, um dort besseres Wasser zu holen.
Es blieben nur noch die lokalen Brunnen übrig. Nach der Regenzeit war das Wasser aus ihnen augenscheinlich klar. Wir haben gerade eine Trockenperiode hinter uns – 18 Tage ohne Niederschlag. Das Wasser in den Brunnen ist heute gelblich-braun, riecht unangenehm und schmeckt salzig. Wohl eine Folge der Sturmflut, die nach Haiyan mit über 120 km/h und bis zu 15 m Höhe in der Manier eines Tsunami die gesamte Küstenregion überschwemmt hatte. Und nun, nachdem kein Regen mehr das Grundwasser „verdünnt“ hat, kommt die wahre Tragweite der Katastrophe zum Vorschein.
Das Brunnenwasser ist ungenießbar und eignet sich nicht einmal zum Waschen der Kleidung. Zwar ist in 5km Entfernung ein gewerbliches Trinkwasserunternehmen ansässig, die verlangen aber für einen Container (25l) 50 Peso. Bei einem Tagesverdienst von 150-250 Peso und ohne Jobs ein Luxus, den sich hier kaum jemand leisten kann. So ist es nicht verwunderlich, dass wir in der letzten Zeit neben dem berüchtigten Dengue-Fieber vermehrt Fälle von Krätze und Tuberkulose zu verzeichnen hatten. Überhaupt sind asthmatische Erkrankungen häufig. Zahlreiche Kinder, aber auch Erwachsene, leiden unter asthmatischen Beschwerden, akuter Bronchitis, Asthma, Lungenentzündung oder Pseudokrupp. Obendrein wird wegen des knappen Trinkwassers allgemein zu wenig getrunken. Bei Temperaturen von zurzeit 30-40°C häufen sich Anfälle von akuter Erschöpfung, Schlaganfälle, Thrombosen und Herzinfarkte. Und der Sommer mit Temperaturen weit über 40°C steht vor der Tür.
Da es hier nur für einen sehr geringen Teil der Bevölkerung eine Art von Sozialhilfe gibt und Rentner nur eine minimale staatliche Zuwendung erhalten, fehlt den Menschen das Geld um sich zu ernähren – denn ohne Arbeitsplätze sind Einkünfte in den Familien nicht mehr vorhanden. Das staatliche Department for Public Works and Highways (DPWH) und der Catholic Relief Service (CRS) hatten es der buddhistischen Hilfsorganisation Tzu Chi nachgemacht und ein Arbeitsbeschaffungsprogramm auf die Beine gestellt – „Cash for Work“. Beiden ist aber inzwischen offensichtlich das Geld ausgegangen, warten die Menschen hier beim DPWH bereits seit 3 Monaten und beim CRS seit über einem Monat auf ihre Entlohnung. Tzu Chi hatte von Mitte November bis Ende Februar sein Budget verbraucht und damit hervorragende Arbeit geleistet.
In den Schulen hier vor Ort herrschen unvorstellbare Zustände. Die Visayas State University (VSU) musste 1.500 Studenten aus Tacloban aufnehmen, deren eigene Uni fast komplett zerstört wurde. Ebenso aufgenommen wurden die nahezu 600 Schüler der benachbarten Highschool, von der noch die Bodenplatten der Gebäude übrig geblieben sind. Dabei sieht es in der VSU wirklich wüst aus. Das Schulgelände liegt in unmittelbarer Strandnähe, sodass die Sturmflut sämtliche Fenster herausgerissen hat, das Mobiliar überwiegend zerstört wurde und auch die Unterrichtsmaterialien nicht verschont geblieben sind. Die VSU beherbergt heute in 21 provisorischen Unterrichtsräumen über 4.500 Studenten und Schüler. Es ist kein Computer vorhanden (zwei gebrauchte PC konnte ich in Deutschland erhalten und sind auf dem Weg hierher), kein einziges Schulbuch, keine Unterrichtsmaterialien, keine Laborausrüstung, keine Bücherei – einfach nichts. Die Studenten schreiben gerade ihre Klausuren – auf der Grundlage von kopierten Buchseiten, mit deren Hilfe sie versuchen den Unterrichtsstoff zu verarbeiten. Es ist wirklich bewundernswert mit welcher Energie und mit welcher Zähigkeit sowohl Studenten als auch Lehrer daran festhalten ein einigermaßen normales Semester zu kreieren und dabei nie den Mut verlieren. Im Gegenteil – da das Semester nach Haiyan erst Mitte Januar begonnen werden konnte, also mit 2 Monaten Verspätung, wurde nun einstimmig beschlossen die Sommerferien zu kürzen. Anstatt Mitte August beginnt das kommende Semester schon Anfang Juni, um den Stoff des Vorsemesters aufholen zu können. Und glauben Sie mir – es ist kein Vergnügen im Hochsommer bei Temperaturen um 40 oder 45°C ganztägig in einer Universität zu sitzen deren Dach aus Blech besteht, die Räume keine Fenster haben, keine Klimaanlage und auch keinen Ventilator und obendrein mit 60-100 Personen in einem Klassenraum, der allenfalls für 30 oder 40 Schüler geeignet ist – nach europäischen Maßstäben.
Ein Hospital gibt es in der Nähe nicht. Auch keine Krankenstation. Die nächste ambulante Versorgung steht für Schwangere, die als Sozialhilfeempfänger registriert sind, im 6 km entfernten Tolosa bereit. Alle anderen Patienten müssen nach Dulag (20km) oder nach Tacloban (38km). Die ambulante Klinik in Dulag ist kostenfrei, hat aber kaum medizinisches Material oder Medikamente zur Verfügung. Ich hatte zur Zahnbehandlung dort bereits einige Dutzend Anästhetika deponiert, ansonsten wären Zahnextraktionen und Kieferchirurgie ohne jegliche Betäubung durchgeführt worden. Der allgemeinen Klinik überließ ich aus einer Hilfsgüterlieferung von INTERHELP direkt an mich und Medikamenten, die ich zugekauft hatte, mehrere Hundert Kapseln Amoxicylin, Iboprofen, Paracetamol, einige Flaschen Wunddesinfektion, Verbandmaterial, Mephinamic und Salbutamol. Allerdings in unzureichender Menge – denn dort werden täglich über 100 Patienten behandelt und keine Hilfsorganisation hilft dort aus, nachdem NAVIS abgezogen ist und Dulag nicht mehr versorgt (das hatte NAVIS in Zusammenarbeit mit „Apotheker ohne Grenzen“ bis Mitte Januar getan). Von den drei Tierheimen wird zurzeit eines notdürftig wieder aufgebaut, was aber ohne Hilfe noch viele Monate oder Jahre dauern wird. Nicht einmal Impfstoffe oder Notfallmedizin ist vorhanden und so sind viele herrenlose Hunde und Katzen von Räude befallen, unterernährt und bedürfen dringend einer fachkundigen Fürsorge.
Bitte helfen Sie uns hier zu überleben und ein einigermaßen menschenwürdiges Leben führen zu können. Ich stehe Ihnen selbstverständlich für jegliche Rückfragen zur Verfügung. Unter dieser e-Mail-Adresse oder auch unter Facebook – Dirk Bruckner. https://www.facebook.com/dirkbruckner.filli
Auf meinem Facebook-Account können sie des Weiteren unzählige andere Bilder über die Ausmaße der Schäden finden, die dieser verheerende Taifun angerichtet hat und können ständig meine Bemühungen verfolgen, hier beim Wiederaufbau zu helfen.
Zudem finden Sie in den anliegenden Bildern einen groben Überblick darüber, was hier geschehen ist. Darunter sind auch Fotos, die direkt nach dem Taifun von mir gemacht wurden und die während des Taifuns entstanden sind, als in gespenstischer Ruhe das Auge von Haiyan direkt über uns hatten.
Dringend gebraucht werden:
– Milchpulver für die Kleinkinder – Kakao als Energielieferant (und über löslichen Kaffee würden sich hier etliche Menschen freuen) – Jede Art von Konserven – Bekleidung, gute gebrauchte oder neuwertig, insbesondere für Kinder und Kleinkinder – Schulmaterial in jeder Form – bis hin zum Computer, gerne auch gebraucht. – Kinderspielzeug – Handwerksmaschinen, gebraucht oder neu – funktionsfähig, insbesondere für jede Art der Holzbearbeitung – Saatgut – besonders für Gemüse, Frucht tragende Bäume und Sträucher – Geldspenden zum Kauf von Medikamenten, Lebensmitteln und Baumaterial, Tierfutter Ich habe für das ZDF eine Dokumentation über dreimal 30 Minuten gedreht, die Sie unter der ZDF Mediathek finden werden oder auf YouTube. Titel: ”Ab auf auf die Insel” (http://www.youtube.com/watch?v=HSyfZAasD6g oder http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/sendung-a-bis-z#/beitrag/video/1829778/Ab-auf-die-Insel-(2) oder http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/sendung-a-bis-z#/beitrag/video/1829796/Ab-auf-die-Insel-(3))
Hilfsgüterlieferungen – hier bieten sich sogenannte Balik Bayan Boxen an, das sind Kisten in der Größe eines Umzugskartons, die mit bis zu 120kg beladen werden können– bitte an:
Dirk Bruckner c/o Dominador Macabenta Provincial Road 6505 Telegrafo/Tolosa/Leyte Philippines Beispielsweise mit den Versendern: http://www.dbc-jb.de http://www.bestbalikbayan.de http://www.balikbayancargoservice.de http://www.rc-montevirgen.de http://www.bingerbalikbayanservice.de
Bargeldspenden bitte an:
Dirk Bruckner Metropolitan Bank and Trust Company Branch; Tacloban-Marasbaras (525) Adresse: Marasbaras National Highway, Tacloban City Account No: 525-3-52552893-7 swift code: MBTCPHMM (ROUTING NO: 026-002846)
oder über PayPal an: d61bruckner@yahoo.co.uk
LBB KartenService IBAN:DE83100500006603197900 BIC: BELADEBE Kontonummer: 6603197900 Bankleitzahl: 10050000 Institut: Landesbank Berlin AG Verwendungszweck: 4213 0712 3257 5023/Bruckner Ganz wichtig ist der Verwendungszweck. Ohne Angabe des Verwendungszwecks kommt das Geld nicht hier an!!!!
Bitte helfen Sie uns, helfen Sie uns privat oder über Ihr Unternehmen, egal ob mit Sach- oder Geldspenden – vielleicht ja sogar zusammen mit Ihrer Belegschaft – wir sind leider auf jede Art und Form von Hilfe angewiesen.
Dirk Bruckner

 

 

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